Löwenrettung – Tschechien

Wie ich mein neues Rudel fand

Schon wieder geht ein heftiger Gewitterguss auf mein ungemütliches Lager nieder. Ich bin patschenass und sehe ziemlich heruntergekommen aus. Mein Fell ist struppig und total verdreckt. Wie lange ich hier schon liege, weiß ich nicht genau. Meine Rudelmitglieder sind einfach verschwunden und haben mich zurückgelassen. Warum weiß ich auch nicht. Letzte Nacht war eine Maus da und hat an meinen Ohren herum geknabbert. Ich konnte mich nicht wehren. Doch zum Glück fand sie mich nicht so lecker.

Der Regen hat aufgehört, aber es klatschen immer noch fette Tropfen aus den Baumkronen auf mich. Mein Ende naht, das spüre ich. Wie soll mich überhaupt jemand in diesem dichten Wald finden? Endlich kämpft sich die Sonne durchs Blätterdach und kitzelt meinen Bauch. Müdigkeit überfällt mich …

Es knacken Äste – ein Eichelhäher fliegt zeternd davon. Da kommen Menschen, ein ganzes Rudel! In letzter Zeit träume ich nichts anderes mehr, dabei ist meine Lage so aussichtslos. Da wieder! Das Knacken wird immer lauter und Stimmen sind zu hören. Ich bin hellwach, das ist kein Traum! He! Hallo! Hier! Hier bin ich! Zwar höre ich jetzt alles recht deutlich, aber die Geräusche kommen nicht näher. Es klingt nach einem Picknick im Wald. Panische Angst macht sich breit: Wie soll ich bloß die Menschen auf mich aufmerksam machen? Ich versuche es mit Telepathie. Ihr da drüben müsst unbedingt in meine Richtung gehen – bitte!

Plötzlich höre ich ein Rudelmitglied in meine Richtung laufen. Vorsichtig nähert es sich. Jetzt kann ich es schon sehen, ein Jungtier. Aber was ist das, nein! Es dreht sich direkt neben mir um und rennt zu seinem Rudel zurück. Das war`s dann wohl. Ich döse wieder vor mich hin.

Träume ich? Jetzt kommen zwei ausgewachsene Rudelmitglieder in meine Richtung gelaufen! Der große Anführer trottet, wie erwartet, an mir vorbei. So ein Mist! Doch dann dreht er sich um und zeigt auf mich! Plötzlich werde ich an meiner Mähne gepackt und in die Luft gewirbelt. Direkt vor mir sehe ich zwei große braune Augen, die mich eindringlich mustern. Und dann fallen endlich die erlösenden Worte: „Den nehmen wir mit!“

Ich werde begutachtet und beschnuppert, zum Glück haben mich die vielen Regengüsse immer schön gebadet. Aber der Dreck! Der Rudelanführer legt sofort fest, dass so ein verlottertes Etwas erst einmal Taschen- und Zeltverbot bekommt. Damit kann ich leben, alles ist mir Recht, Hauptsache ich darf mit.  Mein neues Rudel ist mit Fahrrädern unterwegs. Wegen des Taschenverbotes werde ich auf das Gepäck geschnallt. Geile Aussicht und wie schnell wir vorwärts kommen. Die radeln flott los. Zu futtern gibt es ordentlich: Pizza und dunkles Bier. Boah, bin ich satt, ich lebe, ja, ja! Eh Leute,  mein neues Leben gefällt mir!

Die Nacht verbringt mein Rudel in den Zelten. Meine Aufgabe lautet: Draußen auf das Gepäck und die Fahrräder aufpassen. Mach ich mit links. Zum Frühstück gibt es selbstgebackenes Brot und heißen Tee, dann wird gepackt und weiter geradelt. Mittags machen wir eine längere Pause mit leckerem Mampf. Dann heißt es wieder in die Pedale treten. Nur ich darf faul auf dem Gepäck liegen – häh, häh. Am späten Nachmittag wird ein geeigneter Lagerplatz im Wald ausgespäht. Besonders schön muss er sein und möglichst abgeschieden. Dann werden Bücher geschmökert, Schach gespielt und Spaghetti gekocht. Hinter Bäumen oder Felsbrocken versteckt übernehme ich die erste Wache. Das strengt ganz schön an. Nach Wachwechsel genieße ich ein nettes Nickerchen in der Sonne.

Nun sind wir am Ziel der Radtour angekommen, in Spindlermühle/Tschechien. Hier gibt es richtig viel Wald mit riesigen Bäumen und wilden Bergbächen. In der gemütlichen Unterkunft ist mein Platz an einem großen Fenster mit Blick auf den Fahrradraum. Logisch, dass ich die Drahtesel von hier aus bewache. Mein Rudel will morgen zur 1.600 Meter hohen Schneekoppe wandern und am nächsten Tag mit den Rädern bergauf bis zum Quellgebiet der Elbe biken. Diese beiden Ausflüge darf ich nicht mitmachen, weil ich zu dick und somit zu schwer bin.

Endlich sind die beiden Ausflugstage vorbei und ich kann wieder mit meinem Rudel zusammen sein. Sie haben mir erklärt, dass es nun zurück in die Heimat geht. Na ich bin gespannt auf mein neues Zuhause.  Nach weiteren zwei Nächten in der Wildnis erreichen wir am dritten Tag meinen neuen Wohnort. Das war eine Tour, 172 km haben die Alten mit ihren Jungtieren am letzten Tag geschafft! Alle freuen sich.

Heute scheint die Sonne und mein Bad ist gerichtet, was will Löwe mehr? Jetzt aber ab in die Fluten. Einfach herrlich so ein warmes Bad.

Aber was ist das? Hilfe!!! Eine große Raubkatze nähert sich mir und da noch eine und noch eine! Meine Leute scheint das gar nicht zu stören, dass ich gleich aufgefressen werde. Sie streicheln die Raubkatzen sogar. Gehören die auch zur Familie? Scheinen friedlich zu bleiben, na dann bin ich ja beruhigt. Schnell noch duschen und abtrocknen und schon kann ich mich meiner Lieblingsbeschäftigung hingeben: faul in der Sonne liegen. Die anderen Katzen lieben das Faulenzen auch. Na, ich glaube wir werden richtig dicke Freunde werden!