Ins Desaster per Bike – Madagaskar

seaching for sea food /into desaster by bike

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Tag 7: Soanierana Ivongo. Hier beginnt der asphaltierte Teil der RN5. Zwei Tagesetappen von Tamatave entfernt, verbummeln wir noch ein paar ruhige sonnige Tage entlang der endlosen Strände. Aufgrund der sich verschlechternden Wetterlage flüchten wir am 3. Januar in die Hafenstadt. Erst hier wird deutlich, dass Zyklon “Ave” soeben seinen Ost-West-Kurs geändert hat und nun auf direktem Weg zu uns ist.

Bei heftigen Regenschauern suchen wir am Stadtrand Schutz im Chez Oli, einer Bungalowanlage mit Restaurant. Hier den Wirbelsturm aussitzen und dannach mit den Rädern weiter nach Tana – denken wir uns. Doch es kommt anders. Mit extremen Regenfällen und Sturmböen bis zu 180km/h trifft das Auge des Zyklons in Toamasina auf Land und zieht eine Schneise der Verwüstung durch die Stadt und weiter südwestlich gelegenen Gebiete. Die Hotelanlage wird sandgestrahlt. Massive Wände stürzen ein, Blechdächer der Bungalows werden abgewickelt, Palmen knicken en mas.

Wir evakuieren mit unserer Baggage ins Restaurant. Doch auch hier ist es nicht sicher …

Marion: “40 minuten nach 12 uhr bleibt die große runde bordeaux-wanduhr stehen, im selben moment als das chaos hereinbricht. es ist der 5. januar. das blechdach knallt rhytmisch zum toben des sturms auf die darunter liegende holzkonstruktion. wie ein wildes wutschnaubendes ungeheuer versucht das blech sich aus seiner verankerung zu lösen. mit jedem hieb werden die nägel einen milimeter weiter aus den holzbalken gezogen. gleichzeitig lockert sich zunehmend die verankerung der großen fensterfronten. beherzt drücken wir von innen gegen die rahmen. bloß nicht die fenster einbüßen, dann ist der wirbelsturm überall, so unsere befürchtung. wir reagieren sofort, stützen müssen her, allein können wir dem druck von aussen nicht lange stand halten. die angestellten sind im mora-mora-modus. vielleicht ist es aber heute fady schnell zu sein. und so dauert es gefühlt eine halbe ewigkeit, bis die erste stützkonstruktion halbwegs hält. holzriegel, welche die fenster von innen sichern sollen gibt es wohl auch, aber die sind zunächst nicht auffindbar. oli meint nur verbittert: das ist eben madagaskar.

kurz nachdem die erste fensterfront einigermaßen stabilisiert ist, beginnt die zweite fensterreihe zu vibrieren. ralph ruft alle männer zu dieser seite und das spiel beginnt von vorn. fensterrahmen halten und stützen von innen dagegen stemmen. das gelingt zunächst, sieht aber nicht sehr stabil aus. also wieder halten und weitere stützen besorgen.

doch da passiert es, plötzlich lautes krachen, klirren, tosen, um mich herum alles voll glas, wind fegt herum, nässe, sand und ralphs schreie und überall blut.

ist das mein blut? ich habe keine schmerzen. als ich an mir herunterschaue packt mich das entsetzen. meine hand blutet stark und steht in komischer stellung ab. mir wird plötzlich ganz übel, ralph ist schon bei mir und zieht mich zum nächsten stuhl. schnell setzen, meine beine geben nach, ich muss meine hand halten, irgendwie hab ich angst, dass sie herunter fällt. kein gefühl mehr. ich sitze, die hand liegt vor mir auf dem tisch, ralph hockt neben mir und ist furchtbar aufgeregt. immer wieder ruft er meinen namen. für einen kurzen moment kann ich die wunde sehen, ein großer tief klaffender schnitt mit zwei weißen durchtrennten strängen am wundboden. mir wird schwindelig, jetzt bloß nicht umkippen. ich konzentriere mich auf die atmung. ralph drückt auf die wunde, ein angestellter schnürt mir oberhalb der wunde den arm mit einem fetzen stoff ab. ich blute an mehreren stellen. ralph schaut alles nach bis fest steht, am schlimmsten hat es die hand getroffen. zum glück keine hauptschlagader.

wir verziehen uns in eine ruhige ecke im restaurant und ralph beschafft alles was er an servietten bekommen kann, damit wir die wunde notdürftig bedecken können. noch immer spüre ich keine schmerzen, dafür zittere ich am ganzen leib, stehe offensichtlich unter schock.

der wirbelsturm hat das gebäude jetzt voll im griff, beide fensterfronten sind förmlich explodiert, glasscherben liegen überall auf dem boden verstreut, oli hängt an einem seil, welches das blechdach am wegfliegen hindern soll. entsetzt sehe ich, dass er das seilende mehrfach um sein handgelenk gewickelt hat und nun mit seinem ganzen körpergewicht verzweifelt sein dach festhält. würde der sturm jetzt das dach mit sich reißen, wäre dies das todesurteil für oli. wie verzweifelt muss ein mensch sein, wenn er sein leben an ein stück blechdach hängt. wir wollen ihn gerade warnen, aber zum glück sieht er selber die zwecklosigkeit seines handelns ein und lässt das seil los. kurze zeit später ist das dach des restaurants aufgebogen, wie der deckel einer fischdose. einige teilstücke sind davon geflogen, andere hängen noch an zwei drei befestigunspunkten fest und verstärken mit ihrem metallischen scheppern das ohnehin ohrenbetäubende getose des wirbelsturms. dazu peitschender sand und sintflutartiger regen. das geht nun schon seit stunden so.

endlich lässt der wind nach, alle atmen erleichtert auf. die sonne blinzelt durch die wolken, es ist vorbei. die plötzliche stille schmerzt in unseren ohren. alles ist so ruhig! aber in der ferne ist alles grau und eine bedrohliche wand aus regen und sand, angestrahlt vom sonnenschein, dreht sich um uns. etwa 15 minuten später wird geräuschvoll klar, dass soeben das auge des zyklons über uns hinweggezogen ist. das inferno geht weiter. der sturm tobt jetzt aus entgegengesetzter richtung und alles was bisher verschont blieb, wird nun zerstört.

ralph konnte die sturmpause nutzen, um unseren medizinischen notfallpack aus den fahrradtaschen zu bergen. die wunde muss ordentlich desinfiziert, geschient und verbunden werden. wir haben bis auf die schiene alles dabei. in der restaurantküche konfisziert ralph einen pfannenschaber aus holz. dieser wird als stabilisierung in den verband eingewickelt. das ergebnis kann sich sehen lassen und „dr. ralph“ sich endlich fallen lassen, mit hochgelegten beinen zur anti-schock-therapie.”

Das erste Morgenlicht offenbart das wahre Ausmaß der Zerstörung. Die Bungalows unbewohnbar, der Pool angefüllt mit Holz und Unrat. Das Restaurant gleicht einem Schlachtfeld – mit echtem Blut.

Die Verletzung verhält sich vorerst ruhig. Wir beraten das weitere Vorgehen. Eine komplikationsfreie fachgerechte OP der Sehnen und Nerven ist in Tamatave momentan nicht machbar. Wir müssen jetzt umgehend in die Nähe des internationalen Flughafen in Antananarivo kommen. Die Weiterreise mit Mountainbikes ist natürlich erledigt. Der Regionalflughafen bleibt vorerst geschlossen. Also sichern wir uns Tickets im Taxi-Busse.

Am 6. Januar gegen 9 Uhr verlässt der ersten Konvoi Tamatave. Regulär muss man für die 380km lange Fahrt nach Tana schon mindestens 8 Stunden einplanen. Doch nun ist die Straße vielerorts durch Bäume, Strommasten und Erdrutsche blockiert. Mit Macheten, Reisschippen oder den bloßen Händen versuchen Anwohner Passagen zu schaffen. An überfluteten Abschnitten vergehen viele Stunden bis es wieder ein Stück weitergeht. Abgetriebene Autos und umgestürzte Fernlaster säumen die Strecke. Besonders die einfachen Hütten der Dörfer sind stark betroffen. Einige stehen bis zum First unter Wasser. Die wenigen Habseligkeiten türmen sich am Straßenrand. Ein Teil der Vorräte und der Reisernte ist verloren. Laut dem National Office of Risk and Disaster Management sind 51 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 54.000 Menschen obdachlos. Erst im März 2017 hatte Zyklon “Enawo” die nordost-madagassische Sava-Region schwer getroffen.

Die strapaziöse Fahrt nach Antananarivo dauert letztendlich 26 Stunden. Einige Tage später verlassen wir Madagaskar mit einem regulären Flug. Sehnen, Nerven und die Wunde selbst sind nun genäht. In zwölf Wochen soll alles wieder funktionieren!? 😉