Expedition San Quintín III – Chile

Stockdunkle Nacht. Tausende kalte Tropfen prasseln unaufhörlich auf die dünne Nylonhaut, nur wenige Zentimeter über uns. Schon seit Stunden fegt ein böiger Südwind breite Schauerschleier auflandig über den sandigen Küstenstreifen der Playa San Quintín. Wenige Schritte hinter dem kleinen Zelt, versteckt zwischen flachen Dühnenhügelchen, beginnt das größte Sumpfgebiet Patagoniens. Von dort schallt in kurzen Regenpausen Froschgequake herüber. Dazwischen mischt sich das gewaltige Donnern der nahen Brandung des Pazifik.

Nach einigen Monaten Abstinenz befinden wir uns nun wieder am Start einer langen Tour durch die feuchtkalten Täler des Campo de Hielo Norte am Golfo de Penas.

Süchtig nach authentischer Wildnis. Hungrig nach vertrauter Freiheit. Neugierig auf die Magie des Unbekannten. Gelassen und stark erwarten wir den Sonnenaufgang, stehen am Strand und schreien über die tosenden gischtweissen Wellen: „WIR SIND HIER“.

Dieser Januar ist ungewöhnlich. Bei mehr als 6.000 mm jährlichem Niederschlag regnet es hier normalerweise schon recht häufig. Doch momentan kann man nach 5-6 Tagen Dauerregen mit maximal einem sonnigen Tag rechnen. Alle Flüsse haben erhöhte Pegel. Losgerissene Bäume, Untiefen und veränderter Strömungsverlauf fordern unsere Aufmerksamkeit. Die Mündung des Rio Nevado hat sich in wenigen Monaten um fast einen Kilometer nach Osten verlagert. Viele Sumpfbäche sind an anderer Stelle zum Meer durchgebrochen.

Kein einziger Wal ist zu entdecken. Nur einige wenige Delfine und halbverhungerte Pinguine sind unterwegs. Das Nahrungsangebot scheint gerade knapp zu sein.

Ungeachtet der vielen Niederschläge kommen wir zügig voran, finden neue Linien, bestätigen vertraute Routen. Karten brauchen wir dafür nicht. Wir kennen das Gebiet wie unsere Westentasche. Den GPS-Empfänger aktivieren wir nur für Bestimmung von Entfernung, Peilung und Uhrzeit. Innerhalb von 5 Wochen befahren wir 9 Flüsse und 2 Fjorde, besuchen 10 Gletscher und vervollständigen unsere Fotodokumentation der Gletscherrandzone zwischen Cerro Rolf und Cerro Gustav.

Am Gletscher Andree steht die Hauptfront aktuell mittlerweile mehr als 900 Meter entfernt vom Lagunenauslauf. Besonders einschneidend ist der Rückzug an der östlichen Flanke. Die massiven Eisabbrüche am Ausgang der Wasserfallschlucht könnten mittelfristig zur Abtrennung großer Teile der schwimmenden Hauptzunge führen.

In den steilwandigen Tälern, insbesondere am oberen Benito und Acodado („Düstertäler“), ist das Wetter selten angenehm. Bei Hagelschauern, Schnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt warten wir dort mehrere Tage vergeblich auf eine Wetterbesserung. Unter diesen Bedingungen verzichten wir auf die geplanten Trips in weitere Seitentäler. Die Düstertäler erfordern Bescheidenheit und Demut. Dieser erfreulicherweise noch ursprüngliche Teil Patagoniens ist kein Urlaubsparadies. Hier sind Unwirtlichkeit und Unbeständigkeit ständige Begleiter. Vier Jahreszeiten an einem Tag sind keine Seltenheit.

Nach Abtrennung und Zerbrechen der nahezu gesamten schwimmenden Gletscherzunge, war die HPN3-Lagune im Januar 2015 vollständig mit Eistrümmern gefüllt. Zwei Jahre später präsentiert sich die Lagune nahezu eisfrei (Foto u.l.). Möglicherweise befindet sich der HPN3 gerade in einer Phase eines beschleunigten Rückzugs. Die weisse Kappe des Nördlichen Patagonischen Eisfelds wird seit Jahren immer dünner.

Die Gletscherrandzone ist ein besonders interessanter Bereich. Hier können ganze Wälder brachial unter Eis- und Geröllmassen verschwinden und nach Jahrhunderten Dauerfrost vorzüglich konserviert wieder auftauchen. Moose haben die Fähigkeit diese langen Eiszeiten auszuhalten und danach wieder zu vollkommen intakten Pflanzen heranzuwachsen. So ist eisfreier Fels im feuchten temperierten Klima der patagonischen Westküste schon nach 1-2 Jahren wieder mit Moosen und Flechten bewachsen. Pionierpflanzen wie die imposante Gunnera tinctoria und anspruchslose Gräser folgen.

In blockierten Seitentälern, die mit Oberflächen- und Schmelzwasser gefüllt sind, können beachtliche Wasserkörper entstehen. Diese in ihrer Ausdehnung meist nur temporär bestehenden Seen, können sich aber auch recht schnell wieder entleeren. Die verbleibenden Flachwasserflächen bieten einen idealen Lebensraum für Insekten, Lurche und Vögel.

Uns ist bewusst: In dieser atemberaubend jungfräulichen und noch unbetretenen Landschaft unterwegs zu sein, ist ein besonderes Privileg. Wir setzen unsere Schritte mit Bedacht.

Die Wildnis entlässt uns ein weiteres Mal unversehrt, körperlich neu optimiert und mental gestärkt.

Einige Tage später starten wir im hohen Norden Chiles eine mehrwöchige Erkundungstour durch die Atacama.